Chemie der Liebe

Ist Liebe wirklich schön oder ist sie nur gut darin, sich so zu tarnen, dass wir ihr blind folgen, auch dann noch, wenn sie uns längst mehr kostet, als sie uns gibt? Am Anfang fühlt sie sich an wie ein Versprechen, das endlich eingelöst wird. Wie ein Zustand, in dem alles Sinn ergibt. Man schwebt nicht einfach auf Wolke 7, man verliert den Boden komplett, lacht ohne Grund, spürt eine Energie im Körper, die sich anfühlt wie Leben pur, und blendet alles aus, was nicht in dieses perfekte Bild passt, weil es gar keinen Platz mehr dafür gibt. Seien wir ehrlich. Am Anfang fühlt sich Liebe berauschend an. Wie ein Rausch, der den Alltag ausblendet. Man schwebt auf Wolke 7, lacht grundlos, fühlt sich unbesiegbar. Alles wirkt leichter, heller, bedeutungsvoller. Man glaubt, endlich angekommen zu sein. Und dann kommt sie → die Realität. Nicht leise. Nicht sanft. Sondern mit voller Wucht. Und man stürzt. Genau das ist mir mehr als einmal passiert. Deshalb behaupte ich heute etwas Unbequemes: Liebe ist nicht schön. Liebe ist eine chemische Revolution

Wenn ich heute an diese Zeit denke, fühlt es sich an, als würde ich auf ein anderes Leben zurückblicken. Nicht, weil alles verschwommen wäre, sondern weil ich genau weiss, wie klar sich damals alles angefühlt hat und wie falsch diese Klarheit im Nachhinein war. Es ist fünf Jahre her. Genug Zeit, um Abstand zu haben. Genug Zeit, um nicht mehr zu bluten. Aber nicht genug, um zu vergessen, wie tief Liebe gehen kann, wenn sie einen unvorbereitet trifft.

Die Geschichte einer Liebe, die nie eine war

Damals glaubte ich noch, Liebe sei etwas, das passiert. Etwas, das einen findet. Etwas, das einen rettet. Wenn man verliebt ist, fühlt sich alles leicht an. Man steht morgens auf mit diesem Kribbeln in der Brust, liest Nachrichten mehrfach, lächelt in sich hinein, als hätte man ein Geheimnis, das die Welt noch nicht kennt. Genau so begann es. Still. Unscheinbar. An einem herbstlichen Abend im Oktober, an dem nichts Besonderes geplant war und doch alles begann.

Ich postete eine harmlose Instagram-Story. Mein Hund Mali, ein paar Spielsachen, Alltag. Minuten später kam seine Reaktion. Dann noch eine. Und plötzlich war da dieser Flow. Dieses Schreiben ohne Pausen, dieses Gefühl, verstanden zu werden, ohne sich erklären zu müssen. Wir schrieben bis tief in die Nacht, und am nächsten Tag wieder, und am übernächsten genauso. Es fühlte sich an, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Als würden sich zwei Leben berühren, die sich schon lange gesucht hatten.

Er gab mir früh das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Nicht laut, nicht übertrieben, sondern subtil und genau deshalb wirksam. Seine Worte waren aufmerksam, seine Fragen interessiert, seine Nähe intensiv. Ich fühlte mich gesehen. Gewollt. Auserwählt. Heute weiss ich, dass dieses Gefühl gefährlich ist, wenn es zu schnell kommt. Damals fühlte es sich einfach nur richtig an.

Unsere Gespräche verlagerten sich bald auf Snapchat. Eine App, die ich nie mochte, weil sie nichts festhält, weil Worte dort verschwinden, als hätten sie nie existiert. Vielleicht passte das besser zu ihm, als ich mir eingestehen wollte. Unser erstes Treffen war unspektakulär. Wir sassen im Auto. Es war kalt. Ich fror. Aber ich sagte mir, dass das egal sei. Nähe misst man nicht an Umständen, sagte ich mir. Heute weiss ich, dass man Mangel oft mit Romantik verwechselt, wenn man sich nach Verbindung sehnt.

Er holte mich von zuhause ab. Eine kleine Geste, an die ich mich klammerte. Wir fuhren zu einer Burg in der Nähe, mit Blick über die Stadt. Ein Ort, der nach Bedeutung aussah, obwohl unsere Begegnungen dort stehenblieben. Immer im Auto. Immer abseits. Immer ausserhalb der Öffentlichkeit. Zweifel tauchten auf, leise, fast schüchtern. Warum wollte er mich nicht zeigen? Warum blieben wir unsichtbar? Ich hörte diese Fragen, aber ich beantwortete sie nicht. Ich wollte die Aufmerksamkeit. Ich brauchte die Bestätigung.

Er öffnete sich mir schnell. Er erzählte von sich, von seinen Gedanken, von Dingen, die man nicht jedem erzählt. Ich hielt das für Vertrauen. Für Tiefe. Für Nähe. Heute erkenne ich, dass Menschen, die sich sehr schnell öffnen, oft keine Grenzen haben oder sie gezielt überschreiten. Damals war ich empfänglich. Ich wollte glauben.

Zwischen uns entstand eine Nähe, die schwer zu definieren war. Wir redeten stundenlang. Wir hatten Spitznamen. Kitschige, intime Spitznamen, die Nähe suggerierten. Er rief mich jeden Abend an. Facetime. Wir schliefen gemeinsam ein, wachten gemeinsam auf. Er machte mir Komplimente, sagte mir, wie schön ich sei, wie besonders, wie anders. Er gab mir eine Aufmerksamkeit, die ich so noch nie erlebt hatte. Und langsam begann ich zu glauben, ich sei die Eine.

Das Problem war nie die Nähe. Das Problem war die Einseitigkeit. Während ich tiefer ging, blieb er dort stehen, wo es für ihn bequem war. Er wollte nichts Ernstes. Ich wollte es vielleicht auch nicht bewusst, aber emotional war ich längst weiter. Liebe verändert nicht nur Gefühle, sie verändert Wahrnehmung. Und irgendwann erkannte ich mich selbst kaum wieder.

Der Bruch kam an einem Abend, an dem wir verabredet waren. Er sagte ab. Ich rief ihn an. Nicht aus Wut, sondern aus diesem inneren Druck heraus, endlich auszusprechen, was schon lange in mir arbeitete. Ich sagte ihm, dass ich Gefühle entwickeln würde, wenn es so weitergeht. Ich hoffte auf Ehrlichkeit. Auf Klarheit. Auf ein Zeichen, dass ich mich nicht täuschte. Ich bekam keins. Der Kontakt brach ab. Einfach so.

Es war kein dramatisches Ende. Kein Streit. Kein Knall. Und genau das machte es so schmerzhaft. Fünf Jahre später kann ich sagen, dass ich nichts mehr für ihn empfinde. Keine Liebe. Keine Wut. Aber damals ging es mir schlecht. Ich war emotional instabil, depressiv, offen wie eine Wunde. Und er nutzte diese Offenheit. Ich wurde abhängig von seiner Aufmerksamkeit, von seinen Nachrichten, von diesem Gefühl, wichtig zu sein. Er schrieb mir ständig. Wenn ich nicht antwortete, kamen Vorwürfe. Druck. Besitzansprüche ohne Verantwortung.

Heute weiss ich, dass das keine Liebe war. Es war eine Mischung aus Chemie, Bedürftigkeit und falscher Nähe. Liebe kann schön sein. Aber sie ist nicht harmlos. Sie kann heilen oder zerstören, verbinden oder abhängig machen. Und manchmal ist sie nichts anderes als eine Geschichte, die man sich selbst erzählt, weil man in diesem Moment nichts mehr braucht als das Gefühl, nicht allein zu sein.