Verloren in dir

Es passiert nicht laut. Nicht wie ein Knall, eher wie ein langsames Verschwinden.

Am Anfang fühlt es sich nach allem an, was man sich je gewünscht hat. Nähe, Intensität, dieses kribbelnde Gefühl, endlich angekommen zu sein. Der Kopf ist voll von dieser einen Person, der Alltag richtet sich nach ihr aus, und irgendwo dazwischen beginnt sich etwas zu verschieben. Nicht spürbar von heute auf morgen, sondern in kleinen Momenten, in denen man sich ein bisschen mehr anpasst, ein bisschen mehr gibt, ein bisschen weniger bei sich selbst bleibt. Man merkt es daran, dass Entscheidungen nicht mehr nur aus einem selbst heraus entstehen, sondern immer stärker davon abhängen, wie sie beim anderen ankommen könnten. Der Körper verstärkt dieses Gefühl noch, als würde er es absichtlich festhalten wollen. Dopamin sorgt für dieses Hoch, für das Bedürfnis nach mehr, nach der nächsten Nachricht, dem nächsten Kontakt. Oxytocin schafft Nähe, Vertrauen, Bindung, lässt alles vertraut wirken, selbst wenn es das noch gar nicht ist. Und während das passiert, wird der Blick enger, die Gedanken kreisen immer öfter um diese eine Person, bis kaum noch Platz für etwas anderes bleibt. Eigene Interessen rücken in den Hintergrund, Dinge, die früher wichtig waren, verlieren leise an Bedeutung, ohne dass es bewusst entschieden wird.

Was von aussen wie Liebe aussieht, ist innen oft schon ein leises Verschieben der eigenen Grenzen. Man beginnt, Dinge zu tun, die sich nicht mehr nur richtig anfühlen, sondern notwendig. Man hört mehr zu als man selbst spricht, schluckt Dinge runter, die eigentlich weh tun, hält Situationen aus, die man früher nicht akzeptiert hätte. Nicht, weil man muss, sondern weil man will, dass es bleibt. Man sorgt dafür, dass es der anderen Person gut geht, schafft Raum, gibt Sicherheit, stellt sich selbst zurück, ohne es wirklich zu merken. Vielleicht fängt es damit an, dass man öfter verfügbar ist, Pläne verschiebt, eigene Bedürfnisse auf später verlegt. Dann werden es grössere Dinge, mehr Anpassung, mehr Rücksicht, mehr Zurückhaltung. Und gleichzeitig wächst etwas mit, das schwer zu greifen ist. Eine Abhängigkeit, die sich nicht wie Schwäche anfühlt, sondern wie Tiefe. Etwas, das sich rechtfertigen lässt, weil es sich nach Bedeutung anfühlt. Bis man irgendwann merkt, dass die eigene Stimmung davon abhängt, wie diese eine Person ist, ob sie da ist, wie sie reagiert, wie sie einen ansieht. Und je mehr man sich daran orientiert, desto weniger bleibt von dem übrig, was man selbst einmal war.

Irgendwann kommt dieser Moment, oft leise, fast unscheinbar, in dem man kurz innehält und sich fragt, wer man eigentlich geworden ist. Und genau da wird es spürbar. Dass man sich selbst kaum noch erkennt, dass sich alles mehr nach Funktionieren anfühlt als nach echtem Sein. Die eigenen Bedürfnisse sind irgendwo im Hintergrund verschwunden, die eigenen Grenzen kaum noch greifbar. Man hat so lange gegeben, angepasst, gehalten, dass man sich selbst dabei verloren hat. Und es ist kein plötzlicher Schock, sondern eher eine leise Erkenntnis, die sich langsam ausbreitet. Dass man sich selbst immer weiter nach hinten gestellt hat, bis kaum noch etwas übrig war, das wirklich aus einem selbst kam. Und das ist der Punkt, an dem klar wird, dass es nicht nur Liebe war. Sondern auch die stille Bereitschaft, sich selbst aufzugeben, nur um die Verbindung nicht zu verlieren.

Dich zu lieben hat mich selbst gekostet.