Wieso fühlen sich manche Menschen sofort vertraut an, obwohl sie uns nicht guttun?
Es gibt diese Theorie, dass sich unser Verständnis von Liebe schon früh formt, oft zwischen etwa sechs und sieben Jahren, in einer Zeit, in der wir noch nicht reflektieren können, sondern einfach aufnehmen, was passiert. In diesem Alter fehlt uns auch die Fähigkeit, unsere Gefühle richtig einzuordnen. Wenn ein Elternteil lieblos, abweisend oder respektlos ist, entsteht nicht der Gedanke, dass etwas daran falsch ist, sondern eher, dass man selbst falsch ist. Schuld wird nach innen gezogen, nicht nach aussen. Und genau daraus entsteht später dieses verzerrte Bild von Nähe. Man fühlt sich zu Menschen hingezogen, die genau dieses alte Gefühl wieder auslösen. Nicht, weil man leiden will, sondern weil ein Teil in einem glaubt, dass sich die Geschichte diesmal anders endet. Dass man es diesmal schafft, dass die Person sich verändert, dass man endlich genug ist, damit jemand bleibt. Fast so, als würde man unbewusst versuchen, das zu vollenden, was früher offen geblieben ist. Währenddessen arbeitet der Körper im Hintergrund. Dopamin lässt hoffen, jedes kleine Zeichen fühlt sich übergross an. Oxytocin bindet, selbst wenn die Nähe nicht stabil ist. Und Cortisol hält die innere Anspannung hoch, dieses ständige Warten, dieses Nicht-Wissen. Eine Dynamik, die sich intensiv anfühlt, aber oft mehr mit alten Wunden zu tun hat als mit echter Verbindung.
Manchmal sieht man es nicht bei sich selbst zuerst, sondern bei jemand anderem. Wenn jemand in einer Beziehung bleibt, die offensichtlich weh tut, in der Anerkennung fehlt und Nähe immer wieder entzogen wird, wirkt das von aussen unverständlich. Wenn diese Person klein gemacht, erniedrigt oder emotional runtergezogen wird und trotzdem bleibt, fragt man sich, wie das möglich ist. Aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man oft ein bekanntes Muster. Wenn man als Kind nie wirklich gesehen wurde, wenn Liebe an Bedingungen geknüpft war oder sogar beschämend sein konnte, dann wird genau das später zu etwas, das sich vertraut anfühlt. Man kämpft nicht nur um die Person, sondern um etwas viel Tieferes. Und genau dort wird es persönlich. Wenn ein Vater geht, nicht bleibt, sich für ein anderes Leben entscheidet, hinterlässt das nicht nur eine Erinnerung, sondern ein Gefühl. Dieses leise „ich war nicht genug, damit er bleibt“. Und ohne es bewusst zu merken, beginnt man später, sich immer wieder auf Menschen einzulassen, die emotional nicht ganz erreichbar sind.
Und dann sitzt man da, mitten in diesem Hin und Her. In einem Moment macht man sich klein, sucht die Schuld bei sich, wird leiser, vorsichtiger, als müsste man sich die Liebe verdienen. Im nächsten Moment kommt dieser innere Widerstand, dieses „ich bin doch genug“, ein kurzer Funken Selbstwert, der sich fast wie Klarheit anfühlt. Und dann kippt es wieder. Zurück ins Zweifeln, zurück ins Warten, zurück in dieses Gefühl, nicht ganz gewählt zu werden. Und irgendwo dazwischen liegt auch die unbequeme Wahrheit, dass man selbst bleibt, obwohl man es längst spürt. Nicht aus Dummheit, sondern aus Gewohnheit, aus Hoffnung, aus diesem alten inneren Versprechen, dass es diesmal anders wird. Es ist kein klares Leiden, sondern ein ständiges Wechseln. Hoffnung, Enttäuschung, wieder Hoffnung. Und der Körper zieht mit. Enge in der Brust, ein Druck, der sich nicht richtig erklären lässt, dieses schwere Gefühl im Bauch, das bleibt, auch wenn gerade nichts passiert. Man funktioniert weiter, redet sich gut zu, lenkt sich ab, und trotzdem liegt da diese unterschwellige Traurigkeit, dieses leise Bedrücktsein, das nie ganz weggeht.
Irgendwann kommt ein Punkt, an dem man merkt, dass es nicht darum geht, die richtige Person zu finden, sondern die eigene Geschichte zu verstehen. Dass man nicht kaputt ist, sondern geprägt. Und dass Heilung nicht bedeutet, nie wieder zu fühlen, sondern zu erkennen, wann man beginnt, sich selbst zu verlieren. Vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem. Nicht, weil plötzlich alles leicht wird, sondern weil man langsam aufhört, Vertrautheit mit Sicherheit zu verwechseln.
Vertraut ist nicht gleich sicher.