Anziehen für mich, nicht für andere

Seit wann entscheiden wir eigentlich, ob wir uns schön fühlen, erst nachdem wir in den Spiegel geschaut haben?

Kleidung wird schnell als etwas Oberflächliches abgetan. Dabei kann sie viel näher an unserem Inneren liegen, als wir denken. Es gibt Tage, an denen ein bestimmtes Outfit plötzlich etwas verändert. Nicht den Körper, nicht das Gesicht und schon gar nicht das Leben, sondern die Art, wie wir uns darin bewegen. Die Haltung wird aufrechter, der Blick sicherer und man fühlt sich ein kleines Stück mehr wie die Version von sich selbst, die irgendwo zwischen Alltag, Erwartungen und Unsicherheiten manchmal verloren geht. Gleichzeitig kennen wahrscheinlich viele Frauen das Gegenteil. Der Kleiderschrank ist voll und trotzdem fühlt sich nichts richtig an. Nicht unbedingt, weil die Kleidung nicht passt, sondern weil man sich selbst gerade nicht gefällt. Dann wird aus einem simplen Blick in den Spiegel schnell eine Bewertung des eigenen Körpers.

Lange dachte ich, gutes Aussehen hätte vor allem damit zu tun, die richtigen Dinge zu tragen. Heute sehe ich das anders. Natürlich liebe ich schöne Kleidung, feminine Details und Looks, in denen ich mich besonders fühle. Aber ein Outfit kann mir keinen Selbstwert geben, wenn ich ihn mir selbst gleichzeitig wieder nehme. Genau deshalb möchte ich Stil nicht mehr dafür benutzen, etwas an mir zu korrigieren. Kleidung soll meinen Körper nicht verstecken, kleiner wirken lassen oder irgendeinem Ideal näherbringen. Sie darf einfach ausdrücken, wie ich mich heute fühlen möchte. Mal feminin, mal lässig, mal auffälliger und manchmal so bequem wie möglich. Nicht jede Version von mir muss gleich aussehen, um dieselbe Frau zu sein.

Gerade mein Verhältnis zu meinem eigenen Aussehen hat mir gezeigt, wie schnell sich Selbstwahrnehmung verändern kann. Es gab Zeiten, in denen eine Zahl, ein Spiegelbild oder die Passform einer Hose darüber entscheiden konnte, wie ich mich den restlichen Tag gesehen habe. Das Schwierige daran war nicht mein Körper, sondern wie viel Macht ich diesem einen Moment gegeben habe. Mittlerweile versuche ich, Schönheit anders zu betrachten. Nicht als Zustand, den ich erreichen muss, sondern als etwas, das sich verändert und trotzdem bleiben darf. An manchen Tagen fühle ich mich wunderschön, an anderen überhaupt nicht. Beides darf existieren, ohne dass daraus ein Urteil über meinen Wert werden muss.

Vielleicht ist genau das mein eigentliches Verständnis von Stil geworden. Nicht jeden Trend mitzumachen und auch nicht jeden Morgen perfekt auszusehen. Sondern herauszufinden, worin ich mich nach mir selbst fühle. Denn das schönste Outfit bringt wenig, wenn man darin ständig versucht, jemand anderes zu sein. Und manchmal braucht es keinen neuen Look, sondern nur einen etwas freundlicheren Blick auf die Frau, die ihn trägt.

Stil beginnt dort, wo Vergleichen aufhört.