Irgendwo zwischen Rückzug und Neuanfang

Was passiert, wenn man plötzlich nicht mehr genau weiss, wohin man gehört, aber spürt, dass das Alte auch nicht mehr passt?

Gerade fühlt sich mein Leben gleichzeitig ruhig und ziemlich durcheinander an. Von aussen passiert eigentlich nichts Spektakuläres. Ich arbeite, komme nach Hause, verbringe Zeit mit meinem Hund, schaue Serien, schreibe an meinem Blog, mache Sport und versuche, meinen Alltag irgendwie schön zu gestalten. Ich war gerade in London, bin wieder zu Hause und eigentlich zurück in meiner normalen Routine. Trotzdem fühlt sich innerlich einiges anders an. In letzter Zeit habe ich mich von vielem zurückgezogen, das früher selbstverständlich zu meinem Leben gehört hat. Weniger ausgehen, weniger Alkohol, weniger ständig unterwegs sein. Dafür mehr Spaziergänge, Musik, Schreiben, Bewegung und Abende, an denen ich einfach zu Hause bin. Manchmal geniesse ich genau diese Ruhe. Manchmal sitze ich darin und frage mich, ob ich gerade bei mir ankomme oder mich einfach nur von allem entferne. Wahrscheinlich ist es ein bisschen von beidem.

Auch emotional bin ich an einem seltsamen Punkt. Die vergangenen Monate haben mehr mit mir gemacht, als ich manchmal wahrhaben möchte. Da waren Gefühle für einen Menschen, Hoffnung, Enttäuschung, Nähe, Rückzug und irgendwann die Erkenntnis, dass Liebe allein manche Dinge nicht lösen kann. Ein Teil von mir hängt noch an dem, was war und vielleicht auch an dem, was hätte sein können. Gleichzeitig merke ich, dass ich mein Leben nicht mehr darum bauen möchte, ob jemand bleibt. Das klingt in einem Satz viel einfacher, als es sich anfühlt. Es gibt Tage, an denen ich mich stark und unabhängig fühle, und dann reicht irgendeine Kleinigkeit, ein Gedanke oder eine Erinnerung und etwas zieht sich wieder zusammen. Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, dieses Gefühl möglichst schnell loszuwerden. Heute schreibe ich darüber. Vielleicht ist genau deshalb dieser Blog gerade so wichtig für mich geworden. Hier kann ich Dinge aussprechen, für die ich im echten Leben manchmal erst viel später Worte finde.

Gleichzeitig entdecke ich Seiten an mir wieder, die lange irgendwo im Hintergrund waren. Ich habe wieder Lust auf Dinge. Auf Reisen, schöne Kleidung, Fotografieren, Schreiben und darauf, irgendwann wieder zu reiten. Ich möchte mich bewegen, gesund leben und mich in meinem Körper wohlfühlen, ohne dass daraus erneut ein Kampf mit mir selbst wird. Auch das gelingt nicht immer. Es gibt weiterhin Tage, an denen ich streng mit mir bin, mich vergleiche oder das Gefühl habe, noch nicht dort zu sein, wo ich eigentlich sein sollte. Nur weiss ich mittlerweile gar nicht mehr, ob es diesen einen Punkt überhaupt gibt. Vielleicht verändert sich das Ziel jedes Mal ein Stück, sobald man selbst sich verändert.

Wenn ich beschreiben müsste, wo ich gerade stehe, dann wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Nicht mehr dieselbe Frau wie vor einem Jahr, aber auch noch nicht ganz die, zu der ich gerade werde. Ich versuche weniger wegzulaufen, wenn etwas unangenehm wird. Mehr zu schreiben. Mehr alleine auszuhalten. Dinge zu tun, weil sie mir guttun und nicht weil ich damit irgendeine Lücke füllen möchte. Und vielleicht muss ich gerade auch gar nicht wissen, wie dieses Kapitel endet. Mein Leben fühlt sich momentan nicht fertig an. Aber zum ersten Mal finde ich das nicht nur beängstigend.

Vielleicht muss gerade nichts fertig sein.