Manche nennen es Konsum. Ich nenne es Chemie.

Was, wenn Vernunft einfach schlecht angezogen ist?
Pech für sie.

Es gibt Frauen, die gehen einkaufen, wenn sie etwas brauchen. Sie betreten ein Geschäft mit dem festen Vorsatz, eine schwarze Hose zu kaufen, finden eine schwarze Hose und verlassen das Geschäft wieder. Faszinierend. Für mich klingt das weniger nach Shopping und mehr nach einer administrativen Tätigkeit. Shoppen beginnt doch erst dort, wo man eigentlich nichts braucht und plötzlich vor etwas steht, das einem sehr überzeugend erklärt, weshalb sich dieser Zustand gerade geändert hat. Schuhe, Kleider, Taschen, Schmuck, ich liebe alles daran. Dieses erste Sehen. Das Anfassen. Das Anprobieren. Der Moment vor dem Spiegel, in dem aus einem unverbindlichen „Ich schaue nur“ ein ziemlich verbindliches „Scheisse, das brauche ich“ wird. Und dann ist es da, dieses kleine Glücksgefühl, das vermutlich irgendeinen wissenschaftlichen Namen hat, für mich aber hauptsächlich bedeutet, dass meine Karte gleich wieder zum Einsatz kommt. Manchmal ist Chemie kompliziert. Zwischen mir und einer hinreissenden Handtasche erstaunlich selten.

Natürlich weiss ich, dass Schuhe kein emotionales Grundbedürfnis sind. Zumindest behaupten das Menschen, deren Schuhschrank mich vermutlich nicht interessiert. Bei mir hört die Vernunft jedenfalls dort auf, wo ein wirklich schönes Paar anfängt. Von Männern verstehe ich vielleicht nicht immer etwas, von Schuhen schon. Und seien wir ehrlich: Schöne Männer wissen, dass sie schön sind. Und einen schönen Mann hat man selten für sich allein. Irgendwo scheint immer noch eine Ex, eine beste Freundin, eine Arbeitskollegin oder irgendeine Frau zu existieren, die angeblich „wirklich gar nichts bedeutet“. Schöne Schuhe dagegen? Die habe ich für mich allein. Sie flirten nicht mit anderen Frauen, schreiben nachts keiner Ex, schicken keine widersprüchlichen Signale und entwickeln auch keine plötzliche Bindungsangst, sobald es ernst wird. Sie müssen sich nicht selbst finden und brauchen keine Zeit, um herauszufinden, was sie gerade wollen. Und selbst wenn sie mir nach drei Stunden höllisch wehtun, waren sie wenigstens von Anfang an ehrlich. Ich habe sie angesehen und wusste: Diese Beziehung wird Schmerzen verursachen. Bei Männern dauert diese Erkenntnis manchmal Monate.

Weniger glamourös wird die Sache erst zu Hause. Die Einkaufstaschen stehen auf dem Boden, alles wird nochmals anprobiert und irgendwann meldet sich mein Kontostand ungefragt zu Wort. Jetzt könnte man natürlich vernünftig werden. Nachrechnen. Hinterfragen. Vielleicht sogar etwas zurückbringen. Aber irgendwann habe ich für genau solche Situationen meine ganz eigene finanzielle Weisheit entwickelt: Geld kommt und geht, Schönheit vergeht. Wirtschaftlich betrachtet vermutlich keine besonders solide Strategie. Für meinen Kleiderschrank allerdings ausgesprochen praktisch. Denn irgendwo dazwischen möchte ich verdammt gut angezogen sein. Vielleicht ist Shopping oberflächlich. Vielleicht ist es unnötiger Konsum. Aber muss wirklich jede Freude gleichzeitig sinnvoll, nachhaltig, charakterbildend und finanziell vernünftig sein? Manchmal möchte ich keine tiefere Bedeutung. Manchmal möchte ich einfach nur die Schuhe.

Und genau deshalb werde ich wahrscheinlich weiterhin sagen, dass ich „nur kurz schauen“ gehe, obwohl dieser Satz in meinem Fall ungefähr so glaubwürdig ist wie „Heute kaufe ich wirklich nichts“. Vielleicht brauche ich nicht die fünfte Tasche, das nächste Kleid oder noch ein Paar Schuhe. Aber seit wann war Brauchen eigentlich die Voraussetzung für Freude? Vernunft kann Rechnungen bezahlen, Budgets erstellen und mir erklären, dass mein Kleiderschrank längst voll ist. Sie hat nur einen entscheidenden Nachteil: Sie löst in mir selten dieses kleine, vollkommen unvernünftige Glücksgefühl aus. Und wenn schöne Schuhe mir zuverlässiger Freude bereiten als schöne Männer, ist dann wirklich mein Shoppingverhalten das Problem?

Manchmal trägt Glück eben hohe Absätze.