Muss einer immer mehr lieben, damit eine Beziehung funktioniert?
Dieser Gedanke beschäftigt mich schon länger. Oft hört man, ein Mann müsse eine Frau mehr lieben als sie ihn, sonst würde die Beziehung irgendwann scheitern. Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Vorstellung, Männer müssten Frauen jagen, erobern und das Gefühl haben, sie nicht sofort bekommen zu können. Aber warum eigentlich? Warum sollte Nähe weniger wert sein, sobald sie erwidert wird? Und weshalb sollte Liebe besser funktionieren, wenn einer mehr davon empfindet? Vielleicht liegt das Problem schon darin, dass wir versuchen, Gefühle gegeneinander aufzurechnen. Liebe lässt sich nicht wie zwei Gläser nebeneinanderstellen und daran erkennen, welches voller ist. Trotzdem spürt man sehr genau, wenn etwas dauerhaft aus dem Gleichgewicht gerät. Einer fragt häufiger nach, sucht mehr Nähe, gibt mehr, schaut den anderen anders an. Der Unterschied liegt dann nicht unbedingt darin, wer intensiver liebt, sondern darin, wer den anderen stärker spüren lässt, dass er bleiben möchte.
Auch dieses vermeintliche Bedürfnis von Männern, eine Frau jagen zu müssen, überzeugt mich immer weniger. Natürlich kann Unerreichbarkeit Spannung erzeugen. Was schwer zu bekommen ist, kann kurzfristig besonders interessant wirken. Nur ist Spannung nicht dasselbe wie Verbundenheit. Eine Beziehung kann nicht dauerhaft davon leben, dass einer wegläuft, damit der andere hinterherkommt. Irgendwann sollten beide stehen bleiben können und sich trotzdem noch wollen. Vielleicht verwechseln wir beim Dating deshalb manchmal Eroberung mit Interesse und Unsicherheit mit Anziehung. Das eine sorgt für Nervenkitzel, das andere für Nähe. Wirkliche Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass jemand Angst haben muss, den anderen zu verlieren, sondern dadurch, dass beide wissen, woran sie sind.
Meine eigenen Erfahrungen haben mir dabei etwas ziemlich Deutliches gezeigt. Wenn ich das Gefühl hatte, stärker zu lieben, kam mir gleichzeitig vor, als würde von der anderen Seite weniger kommen. Genau daraus entstand irgendwann der Gedanke, dass vielleicht der Mann mehr lieben müsste. Nicht weil ich einen Menschen neben mir möchte, für den ich weniger empfinde, sondern weil sich die andere Position sicherer anfühlt. Ich kenne nämlich auch das Gegenteil. Von einem Mann offensichtlich geliebt zu werden, hat mich nicht gelangweilt und auch nicht eingeengt. Es hat mir Ruhe gegeben. Zu wissen, dass jemand zu mir steht, mich wirklich möchte und für mich da ist, fühlt sich für mich nicht nach fehlender Spannung an. Es fühlt sich nach Sicherheit an. Viel schlimmer empfinde ich dieses Dazwischen, in dem man nicht weiss, woran man ist und sich ständig fragt, ob der andere morgen noch da sein wird.
Vielleicht lautet die eigentliche Antwort deshalb: Nein, ein Mann muss nicht mehr lieben. Aber vielleicht wünschen sich manche Frauen genau das, nachdem sie zu oft diejenige waren, die mehr gegeben haben. Hinter dem Satz steckt dann weniger eine Vorstellung davon, wie Männer funktionieren sollten, sondern der Wunsch, selbst einmal nicht um Liebe kämpfen zu müssen. Trotzdem möchte ich keine Beziehung, in der einer oben und einer unten steht. Vielleicht werden zwei Menschen niemals an jedem einzelnen Tag exakt gleich viel geben. Einer trägt den anderen manchmal ein Stück und irgendwann wechseln die Rollen. Entscheidend ist für mich etwas anderes geworden: Liebe sollte sich nicht ständig wie eine offene Frage anfühlen. Ich möchte keinen Mann, der mich mehr liebt, damit ich die Macht auf meiner Seite habe. Eigentlich möchte ich gar nicht mehr darüber nachdenken müssen, wer von uns beiden mehr liebt.
Liebe braucht Nähe, keinen Vorsprung.