Verlieben wir uns manchmal nur in die Möglichkeit?

Kann uns etwas das Herz brechen, das eigentlich nie wirklich existiert hat?

Wenn wir jemanden kennenlernen, lernen wir dann wirklich nur diesen Menschen kennen oder gleichzeitig eine ganze Vorstellung von ihm? Vielleicht beginnt es ganz harmlos. Ein gutes Gespräch, ein Blick, eine Nachricht, dieses besondere Gefühl, wenn der Name plötzlich auf dem Bildschirm erscheint. Und irgendwann denken wir nicht mehr nur darüber nach, was gerade zwischen uns passiert, sondern darüber, was passieren könnte. Wie wäre er in einer Beziehung? Wie würden sich gemeinsame Sonntage anfühlen? Würden wir zusammen verreisen? Würde aus diesem anfänglichen Kribbeln irgendwann Liebe werden? Aber ab welchem Punkt lernen wir einen Menschen nicht mehr kennen, sondern beginnen, eine Version von ihm zu erschaffen?

Vielleicht passiert genau das besonders schnell, wenn nichts eindeutig ist. Wenn Nähe da ist, aber keine Sicherheit. Wenn Gefühle entstehen, aber niemand wirklich ausspricht, was das zwischen zwei Menschen eigentlich sein soll. Gerade Situationships lassen unglaublich viel Platz für Fantasie. Wo keine Antworten sind, können wir unsere eigenen einsetzen. War seine Nachricht nur eine Nachricht oder bedeutet sie doch etwas? Braucht er einfach Zeit? Hat er vielleicht Angst vor Nähe? Könnte daraus doch noch mehr werden? Und wie schnell wird aus einem «vielleicht» plötzlich ein «irgendwann»? Vielleicht romantisieren wir nicht einmal bewusst die andere Person. Vielleicht romantisieren wir einfach all das, was zwischen uns noch passieren könnte.

Aber was passiert, wenn einer längst mehr fühlt als der andere? Bricht einem dann wirklich dieser Mensch das Herz oder zerbricht vielmehr die Geschichte, die man innerlich bereits mit ihm geschrieben hat? Vielleicht trauern wir um gemeinsame Abende, die nie stattgefunden haben. Um Gespräche, die wir nie geführt haben. Um eine Beziehung, die nie begonnen hat. Und trotzdem kann sich dieser Verlust erschreckend real anfühlen. Vielleicht sogar realer als das, was tatsächlich zwischen zwei Menschen war. Genau das lässt mich nicht los. Denn auch ich frage mich manchmal, ob ich wirklich einen Menschen vermisst habe oder die Version von uns, die in meinem Kopf existierte. Habe ich gesehen, was tatsächlich vor mir stand, oder habe ich einzelne schöne Momente genommen und daraus etwas gebaut, das viel grösser war?

Vielleicht ist deshalb die schwierigere Frage gar nicht, warum wir jemanden nicht loslassen können. Vielleicht müssten wir uns fragen, wen wir überhaupt loslassen müssen. Den Menschen, wie er wirklich war? Die Person, von der wir glaubten, dass sie irgendwann noch werden könnte? Oder eine Zukunft, die sich in unserer Vorstellung längst vertraut angefühlt hat, obwohl wir sie nie erlebt haben? Eine Antwort darauf habe ich selbst nicht. Vielleicht kann man einen Menschen lieben und gleichzeitig eine Vorstellung von ihm romantisieren. Vielleicht beginnt Heartbreak manchmal sogar genau dort, wo Realität und Fantasie nicht mehr dasselbe erzählen. Und vielleicht sollten wir uns dann eine ziemlich unbequeme Frage stellen: War ich in dich verliebt oder in die Möglichkeit von uns?

Manchmal vermissen wir eine ungelebte gemeinsame Zukunft.