Wollen wir wirklich einen neuen Mann oder manchmal einfach nur etwas, worauf wir uns freuen können?
Es gibt eine ganz bestimmte Art von Ruhe, die sich irgendwann verdächtig nach Langeweile anfühlt. Das Handy bleibt still, niemand sorgt für unnötige Verwirrung und plötzlich fehlt sogar die Nachricht, über die man sich eigentlich beschweren würde. Eigentlich hinreissend. Eigentlich. Denn kaum läuft das Leben ein bisschen zu friedlich, erscheint ein neuer Mann plötzlich wie eine ausgesprochen gute Idee. Nicht zwingend der Mann fürs Leben. Wir wollen ja nicht gleich übertreiben. Erst einmal reicht einer, dessen Name auf dem Display ein kleines Kribbeln auslöst und für den man sich an einem Donnerstagabend zwanzig Minuten länger fertig macht, obwohl man selbstverständlich behauptet, das Outfit nur für sich selbst ausgesucht zu haben. Vielleicht beginnt Dating manchmal gar nicht mit Einsamkeit. Vielleicht beginnt es schlicht mit der Lust darauf, dass endlich wieder etwas passiert.
Meine Vergangenheit liefert für diese Theorie leider ziemlich umfangreiches Beweismaterial. Es gab Drinks an der Aare, Sushi in Zürich, Blumen, Pancakes am Morgen, Weihnachtsmärkte, Männer für mehrere Dates und Männer, bei denen eines vollkommen ausreichend war. Es gab einen Mann, der sich etwas Ernstes mit mir vorstellen konnte und ungefähr einen Tag später offenbar seine gesamte Lebensplanung überdacht hatte. Einen anderen holte ich Monate später wieder aus dem digitalen Archiv, obwohl unsere Geschichte eigentlich längst abgeschlossen war. Und irgendwo dazwischen gab es sogar einen Catfish, bei dessen Date ich aus dem Pub verschwand. Rückblickend frage ich mich deshalb weniger, warum manche Männer nicht geblieben sind. Viel interessanter ist doch: Warum war ich eigentlich so oft bereit für den nächsten?
Vielleicht wollte ich nicht jedes Mal einen neuen Mann. Vielleicht wollte ich manchmal einfach eine neue Version meines Abends. Vorfreude statt Alltag. Flirten statt Nachdenken. Eine Nachricht, die wichtiger erschien, als sie vermutlich war. Dieses herrlich gefährliche Stadium, in dem man einen Menschen noch kaum kennt und deshalb genügend Platz hat, ihn ausgesprochen interessant zu finden. Denn Möglichkeiten haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Realität: Sie hatten noch keine Gelegenheit, uns zu enttäuschen. Vielleicht liegt genau darin der Reiz eines neuen Dates. Für ein paar Stunden weiss niemand, wie die Geschichte ausgeht. Nicht einmal wir selbst.
Heute könnte ich bei dieser besonderen Form von Unruhe natürlich vernünftig reagieren. Einen Spaziergang machen. Ein Buch lesen. Mich selbst finden. Klingt alles ausgesprochen gesund und leider nur halb so unterhaltsam. Vielleicht bestelle ich stattdessen neue Bettwäsche, ziehe etwas an, worin ich mich hinreissend fühle, und gehe mit meinen Freundinnen einen Drink trinken. Und falls mir dabei zufällig ein interessanter Mann begegnet? Nun, ich habe nie behauptet, aus meinen Datingerfahrungen die richtigen Schlüsse gezogen zu haben.
Manche Lektionen dürfen ruhig noch etwas warten.