Wann merkt man eigentlich, dass man bei einem schlechten Date selbst für den interessantesten Teil der Katastrophe verantwortlich war?
Mit 24 hatte ich offenbar eine interessante Vorstellung davon, wie man bestandene Prüfungen angemessen feiert. Der Plan war eigentlich simpel: Cocktails bei einem etwas jüngeren Mann, danach auf eine Party. Der Cocktail Man war nett, etwas grösser als ich und sah auf seinen Fotos, sagen wir, etwas grosszügiger aus als in der Realität. Besonders seine Augen hatten beschlossen, räumlich sehr eng zusammenzuarbeiten. Aber gut, niemand ist perfekt und meine persönliche Glanzleistung sollte an diesem Abend erst noch folgen. Die Party erreichten wir nämlich nie. Stattdessen wurde es irgendwann körperlicher und er so nervös, dass unser kleines Vorhaben ziemlich schnell beendet war. Passiert. Wirklich problematisch wurde der Abend eigentlich erst, als ich beschloss, die Situation selbst in die Hand zu nehmen.
Anstatt einfach freundlich nach Hause zu gehen, erfand ich einen Notfall meiner Freundin. Nicht besonders elegant, aber immerhin kreativ. Also schrieb ich noch aus seiner Wohnung meinem damaligen Situationship und klärte ab, wie schnell er bei mir sein könnte. Andere Frauen verarbeiten ein misslungenes Date mit ihren Freundinnen. Ich organisierte einen Schichtwechsel. Während der Cocktail Man vermutlich noch glaubte, meine arme Freundin befinde sich in einer persönlichen Krise, plante ich bereits die zweite Besetzung des Abends. Rückblickend war seine Nervosität vielleicht wirklich nicht das grösste Problem in diesem Raum. Ich hatte an diesem Tag schliesslich meine Prüfungen bestanden und offenbar beschlossen, dass wenigstens eine Sache an diesem Abend noch erfolgreich abgeschlossen werden musste. Ich habe schliesslich auch meine Bedürfnisse.
Ein oder zwei Wochen später meldete er sich wieder und fragte, ob wir nochmals etwas trinken wollten. Nach meinem Abgang beinahe hinreissend optimistisch. Ich liess ihn sinngemäss wissen, dass ich inzwischen auf Gin Tonic umgestiegen sei. Eine ausgesprochen elegante Abfuhr, wäre da nicht dieses eine Detail: Ich hasse Gin Tonic. Offenbar war ich bereit, meine gesamte Persönlichkeit inklusive Getränkevorlieben umzuschreiben, nur um möglichst unbeeindruckt zu wirken. Damit war die Geschichte eigentlich erledigt. Bis ich ihn einige Jahre später ausgerechnet beim Ausgehen wiedersah. Wenigstens einer von uns schien den damaligen Abend gut überstanden zu haben.
Vielleicht hätte er mich damals tatsächlich ghosten sollen. Stattdessen versucht er es Jahre später noch einmal. Manche Männer ignorieren Red Flags offenbar genauso konsequent wie wir Frauen
Die Red Flag war wohl ich.