Vielleicht wartet er heute noch

Kann man eigentlich schon vor einem Date wissen, dass man lieber hätte zu Hause bleiben sollen? Leider nein …

Es gibt allerdings diesen einen Moment, der einem einen ziemlich deutlichen Hinweis gibt. Meiner stand am Bahnhof und kam direkt auf mich zu. Bitte nicht der. Bitte nicht der. Vielleicht läuft er einfach an mir vorbei. Bitte. Nicht. Der. Er lief nicht vorbei. Er blieb vor mir stehen und stellte sich vor. Natürlich war er es. Der Filterprinz. Auf Tinder stolze 1.80 m, in der Realität kleiner als ich und ich bin 1.65 m. Auch sein Gesicht hatte mit seinen Bildern ungefähr so viel gemeinsam wie ich mit Zurückhaltung nach zwei Aperol Spritz. Vielleicht waren die Fotos alt. Vielleicht sehr vorteilhaft. Vielleicht hatte er einfach ein ausgesprochen kreatives Verhältnis zu seinem eigenen Tinder Profil. Jedenfalls wartete ich innerlich noch kurz darauf, dass der Mann von den Bildern ebenfalls am Bahnhof auftauchte und mir erklärte, es handle sich um eine Verwechslung. Tat er nicht. Stattdessen stieg ich mit dem Filterprinzen ins Tram. Denn mit 23 war ich offenbar bereit, einen ganzen Abend zu opfern, nur um nicht dreissig Sekunden unhöflich sein zu müssen. Hinreissend, diese weibliche Erziehung.

Schon beim Betreten des Pubs tat ich etwas, das vermutlich nicht für die Qualität eines ersten Dates spricht: Ich studierte nicht die Getränkekarte, sondern die Fluchtwege. Links standen Tische und Stühle, ganz hinten eine Bank mit Blick Richtung Ausgang. Rechts führte eine ziemlich steile Treppe hoch zu den Toiletten. Eingang registriert. Ausgang registriert. WC registriert. Bank mit strategisch günstiger Sichtachse registriert. Mein Kopf hatte innerhalb weniger Sekunden einen Fluchtplan erstellt, obwohl wir noch nicht einmal sassen. Ich sagte deshalb, dass ich gerne auf die Bank möchte. Dann musste ich zuerst auf die Toilette und nahm Jacke, Handtasche und sämtliche Sachen mit. Ganz unauffällig. Es fehlten eigentlich nur Reisepass und Rollkoffer. Oben ging ich tatsächlich aufs WC und wusste danach endgültig: Ich kann das nicht. Ich werde mich jetzt nicht wieder hinsetzen, etwas bestellen und neunzig Minuten lang so tun, als würde mich dieses Date interessieren, während ich mich frage, wo der Mann von Tinder geblieben ist. Also entschied ich mich für Flucht. Nicht für ein Gespräch. Nicht für eine Ausrede. Flucht. Das Problem war nur diese verdammt steile Treppe. Von unten hätte der Filterprinz meine Füsse sehen können. Also schlich ich geduckt Stufe für Stufe hinunter, als hätte ich gerade keine Toilette besucht, sondern vertrauliche Regierungsdokumente gestohlen.

Dann sah ich ihn. Auf der Bank. Meiner Bank. Ausgerechnet. Zum Glück sass er mit der Getränkekarte in der Hand da und war vollkommen darin vertieft. Ich blieb kurz stehen, wartete und dann kam mein Moment. Aus Schleichen wurde Rennen. Die letzten Stufen hinunter, Richtung Ausgang, am Kellner vorbei, der mir noch hinterhersah, und raus. Ab diesem Moment gab es keine Würde mehr, nur noch Geschwindigkeit. Der Weg zum Bahnhof führte durch einen Park und dann diese lange, steile Treppe hoch. Und ich rannte. Nicht dieses hübsche Joggen, bei dem der Pferdeschwanz elegant wippt und man noch atmen kann. Ich rannte um mein Leben. Man hätte meinen können, hinter mir sei ein Serienmörder und nicht ein Mann, der vermutlich immer noch überlegte, welches Bier er bestellen sollte. Gleichzeitig begann die digitale Flucht. WhatsApp blockiert. Telefonnummer blockiert. Tinder blockiert. Alles weg. Ich rannte durch den Park, eine gefühlt endlose Treppe hoch und blockierte dabei einen Mann auf sämtlichen Kanälen. Andere Frauen brauchen nach einem Date drei Freundinnen, zwei Sprachnachrichten und vier Tage, um herauszufinden, ob sie ihn wiedersehen wollen. Ich brauchte ungefähr die Distanz zwischen Pub und Bahnhof. War das nett? Nein. War das erwachsen? Absolut nicht. Aber fairerweise waren 1.80 m bei ihm auch eher ein Wunsch als eine Masseinheit. Heute würde ich vermutlich zurückgehen, ihm sagen, dass es für mich nicht passt, und mich verabschieden. Mit 23 bevorzugte ich offenbar Fluchtinstinkt, Cardio und vollständigen Kontaktabbruch. Vom Filterprinzen habe ich danach nie wieder etwas gehört, was angesichts meiner Blockiergeschwindigkeit wenig überraschend ist.

Geblieben ist nur dieser eine Satz, der bis heute jedes Mal fällt, wenn wir die Geschichte erzählen: Vielleicht wartet er heute noch. Auf meiner Bank. Mit der Getränkekarte in der Hand. Und manchmal frage ich mich: Wie oft bleiben wir eigentlich sitzen, obwohl wir innerlich längst auf der Flucht sind?

Manchmal ist Flucht die bessere Geschichte.