Wie frei ist ein bequemes Leben, wenn man es nicht selbst gewählt hat?
Manchmal klingt die Vorstellung fast verlockend. Nicht jeden Morgen zur Arbeit fahren, keine acht Stunden im Büro verbringen, keinen eigenen Lohn verdienen müssen, während jemand anderes finanziell für die Familie sorgt. Zuhause bleiben, sich um die Kinder kümmern, kochen, waschen und den Haushalt führen. Genau deshalb habe ich mich früher tatsächlich gefragt, weshalb Frauen so sehr darum kämpfen mussten, arbeiten zu dürfen. Wer würde nicht manchmal lieber zuhause bleiben? Erst wenn man diesen Gedanken weiterführt, merkt man, dass dabei etwas Entscheidendes fehlt: die Wahl. Zuhause zu bleiben ist etwas völlig anderes, wenn man jederzeit gehen könnte. Wenn man eigenes Geld besitzt, selbst entscheiden darf und nicht darauf angewiesen ist, dass ein anderer Mensch einen weiterhin versorgt.
Durch meine Beschäftigung mit der Geschichte und besonders mit der Tudorzeit hat sich dieser Gedanke bei mir verändert. Frauen waren über Jahrhunderte nicht einfach nur diejenigen, die zuhause blieben. Ihr Leben wurde wesentlich stärker von Männern bestimmt. Ehe, Besitz, gesellschaftlicher Status und finanzielle Sicherheit waren eng miteinander verbunden. Ein Mann konnte für eine Frau deshalb gleichzeitig Liebe, Existenzgrundlage und Macht über ihr Leben bedeuten. Genau darin liegt für mich heute der Unterschied. Nicht arbeiten zu müssen kann ein Privileg sein. Nicht arbeiten zu dürfen und keine echte Alternative zu besitzen, ist Abhängigkeit. Es ist wie eine Tür, die wunderschön aussehen kann, solange man nicht bemerkt, dass sie nur von aussen geöffnet werden kann.
Besonders beschäftigt mich dabei, wie verletzlich diese Abhängigkeit eine Frau gemacht haben muss. Beziehungen können zerbrechen. Menschen können fremdgehen, trinken, Geld verspielen, sich verändern oder ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Das betrifft nicht jeden Mann und auch nicht ausschliesslich Männer. Trotzdem waren die Folgen für Frauen historisch ungleich härter, wenn ihre gesamte wirtschaftliche Sicherheit an genau diesem Menschen hing. Gleichzeitig wurde von ihnen erwartet, Kinder grosszuziehen, den Haushalt zu führen und einen grossen Teil der unsichtbaren Arbeit zu übernehmen. Diese Arbeit war notwendig, aber sie bedeutete nicht automatisch Unabhängigkeit. Wer kein eigenes Einkommen, kaum Rechte und wenig gesellschaftliche Macht besitzt, kann sich selbst aus einer schlechten Situation nur schwer befreien.
Heute verstehe ich deshalb etwas, worüber ich früher eher scherzhaft geschimpft habe. Natürlich gibt es Tage, an denen ich denke, dass unsere Vorgängerinnen uns ruhig das Zuhausebleiben hätten lassen können. Gleichzeitig möchte ich meinen eigenen Lohn auf meinem Konto sehen. Ich möchte wissen, dass eine Beziehung eine Entscheidung ist und keine finanzielle Notwendigkeit. Dass ich bei einem Menschen bleiben kann, weil ich ihn liebe und nicht, weil ich ohne ihn meine Wohnung, meine Sicherheit oder mein ganzes Leben verlieren würde. Gleichberechtigung hat Frauen nicht von jeder Belastung befreit. In manchen Bereichen tragen wir heute Beruf, Haushalt, Beziehungen und Fürsorge gleichzeitig. Darüber darf man kritisch sprechen. Trotzdem möchte ich die Freiheit dahinter nicht mehr gegen vermeintliche Bequemlichkeit eintauschen. Vielleicht ging es beim Kampf der Frauen nie darum, unbedingt arbeiten zu wollen. Vielleicht ging es darum, endlich selbst entscheiden zu dürfen.
Freiheit beginnt dort, wo Abhängigkeit endet.