Warum erkennen wir manche schönen Zeiten erst, wenn sie längst vorbei sind?
Während wir mitten in unserem Alltag stecken, fühlt sich vieles erstaunlich gewöhnlich an. Derselbe Weg zur Arbeit, dieselben Menschen, der Kaffee am Morgen, eine Nachricht zwischendurch, ein Spaziergang am Abend oder ein Wochenende ohne besondere Pläne. Wir warten auf Ferien, auf den Sommer, auf eine Veränderung, auf jemanden oder einfach darauf, dass endlich wieder etwas passiert. Monate später sehen wir ein altes Foto, hören ein bestimmtes Lied oder erinnern uns plötzlich an genau diese Zeit und merken: Eigentlich war sie schön. Vielleicht nicht aussergewöhnlich, aber vertraut. Und plötzlich vermissen wir Dinge, denen wir kaum Aufmerksamkeit geschenkt haben, als sie noch selbstverständlich waren.
Das Merkwürdige daran ist, dass wir ständig wissen, dass nichts für immer bleibt und trotzdem leben, als würde vieles genau so weitergehen. Menschen verändern sich, Freundschaften werden leiser, Routinen verschwinden, Wohnungen werden gewechselt und aus einem ganz normalen Dienstag wird irgendwann eine Erinnerung. Natürlich kann niemand jeden Augenblick bewusst geniessen. Das wäre unrealistisch und wahrscheinlich ziemlich anstrengend. Aber vielleicht könnten wir aufhören, immer nur auf die besonderen Momente zu warten. Ein gutes Leben besteht nicht ausschliesslich aus Reisen, grossen Entscheidungen und Ereignissen, die man fotografieren möchte. Ein ziemlich grosser Teil davon passiert dazwischen. Gerade rückblickend merke ich bei mir, wie oft ich bestimmte Phasen erst später anders betrachte. Währenddessen waren meine Gedanken häufig schon beim nächsten Wochenende, beim nächsten Ziel oder bei etwas, das ich verändern wollte. Heute gibt es kleine Situationen, an die ich mich unerwartet gerne erinnere. Nicht weil damals alles perfekt war, sondern weil etwas davon nie wieder genau gleich sein wird. Das hat meinen Blick auf meinen Alltag verändert. Ich möchte nicht erst auf einem Foto erkennen, dass ich glücklich aussah. Nicht jede Sekunde bewusst festhalten, aber öfter bemerken, wenn gerade eigentlich gar nichts fehlt.
Vielleicht werden manche Augenblicke immer erst durch Abstand besonders. Das gehört wahrscheinlich zum Leben. Trotzdem möchte ich mir angewöhnen, nicht ständig auf eine bessere Version meines Alltags zu warten. Denn möglicherweise ist genau dieser unspektakuläre Mittwoch irgendwann einer dieser Tage, an die ich gerne noch einmal zurückkehren würde.
Manches fehlt erst, wenn es Erinnerung wird.