Was, wenn wir ganz genau wissen, wer gut für uns wäre, und trotzdem ausgerechnet den anderen wollen?
Green Flag hätte eigentlich gewinnen müssen. Er holte mich zu unserem ersten Date mit dem Auto ab, wir gingen essen und weil es spät wurde, blieb ich bei ihm. Wir schauten Harry Potter und irgendwo zwischen Abendessen, Hogwarts und dem nächsten Morgen hatte ich bereits seine Familie kennengelernt. Andere Männer brauchten drei Dates, um sich meinen Nachnamen zu merken, Green Flag hatte mich gefühlt nach einem Abend ins Familienprogramm aufgenommen. Danach folgten fünf Wochen mit erstaunlich wenig Drama. Dates, Thermalbad, gemeinsame Nächte, Pancakes und ein Blumenstrauss. Er meldete sich, machte Pläne und liess mich nie rätseln, ob er Interesse hatte. Sportlich, attraktiv, aufmerksam, ernsthafte Absichten. Kurz gesagt: genau der Mann, nach dem Frauen angeblich ständig suchen. Und ich? Fand ihn nett. Leider ist nett der Vorname von scheisse, wenn man eigentlich verliebt sein sollte. Ich wartete auf dieses verdammte Kribbeln. Es kam nicht. Dafür kam beim Trampolinspringen eine Frage: «Triffst du eigentlich noch jemand anderen?» Ich sagte Ja. Green Flag fand meine Ehrlichkeit weniger hinreissend als ich und wurde eifersüchtig. Später bei ihm zuhause kam das Thema nochmals auf. Es störe ihn. Sehr sogar. Dann wollte er wissen, wer mein Favorit sei. Eine ausgesprochen mutige Frage für einen Mann, der nicht mein Favorit war. Ich sagte trotzdem: «Du.» Was hätte ich tun sollen? Ihm auf seinem eigenen Sofa erklären, dass er aktuell Silber hatte?
Gold ging an Pretty Boy. Achtzehn, dunkle Locken, ungefähr 1,80 gross, sportlich und mit einem Sixpack ausgestattet, das meine Fähigkeit zur vernünftigen Partnerwahl vorübergehend ausser Betrieb setzte. Seine Familie war sehr wohlhabend, sein Zuhause in Zürich eher Anwesen als Haus und um ihn herum lag diese sorglose Leichtigkeit, die mich damals wahnsinnig anzog. Mit Pretty Boy fühlte sich nichts nach Verpflichtung an. Es war flirten, lachen, Spass haben und dieses herrliche Gefühl, dass morgen noch weit genug entfernt war, um heute keine Rolle zu spielen. Und Pretty Boy war nicht einfach nur mein heimlicher Favorit. Er machte mir Hoffnungen und gab mir das Gefühl, ich sei die Einzige. Genau genug Nähe, damit ich glaubte, wir würden beide dasselbe spielen. Nur hatte offenbar niemand überprüft, ob wir überhaupt dieselben Regeln kannten. Währenddessen bekam Green Flag erste rote Flecken. Erst die Eifersucht, dann dieses frühe Besitzergreifen, später Kommentare darüber, was ich anzog. Vielleicht war er also doch nicht ganz so grün. Oder vielleicht war er einfach schon drei Schritte weiter als ich. Mir fehlten bei ihm zusätzlich Ambition, Bildung und eine berufliche Perspektive, bei der ich dachte: Mit diesem Mann könnte ich irgendwann etwas aufbauen. Vor allem fehlte aber dieses eine verdammte Gefühl. Bei Pretty Boy dagegen war es längst da. Vielleicht war er also doch die bessere Wahl. Spoiler: natürlich nicht.
Nach ungefähr fünf Wochen sagte Green Flag mir, dass er sich etwas Ernstes mit mir vorstellen könne. Eigentlich sollte an dieser Stelle romantische Musik einsetzen. Bei mir ging der Feueralarm los. Es wurde mir zu schnell, zu nah, zu verbindlich. Plötzlich stand da eine mögliche Beziehung mit Erwartungen, Rücksicht und all den Dingen, die wunderschön sind, wenn man sie möchte, und ziemlich beängstigend, wenn man sie gerade nicht möchte. Also beendete ich es. Danach sagte ich Pretty Boy, dass ich mir mit ihm mehr vorstellen könnte. Ausgerechnet der Mann, der mir zuvor das Gefühl gegeben hatte, ich sei die Einzige, wollte plötzlich nichts Ernstes. Hinreissend. Ich hatte den Mann gehen lassen, der offen sagte, dass er mich wollte, und setzte auf den Mann, der mich glauben liess, dass er mich wollte, bis ich Klarheit verlangte. Vielleicht war Pretty Boy eben doch weniger Pretty Boy und ein bisschen mehr Bad Guy. Jedenfalls tat die Absage nicht nur meinem Ego weh. Sie fühlte sich an, als hätte ich eine Geschichte ernst genommen, die für ihn offenbar wesentlich unverbindlicher gewesen war.
Eine vernünftige Frau hätte das akzeptiert, ihre Freundinnen damit genervt und wäre irgendwann darüber hinweggekommen. Ich war 23, verletzt und entschied mich für eine weniger elegante Form der Verarbeitung. Einen Fake Account. Pretty Boy schrieb mit meiner erfundenen Frau, flirtete und verabredete sich schliesslich mit ihr am Bahnhof Aarau. Dort wartete er dann. Handy. Uhr. Gleis. Wieder Handy. Meine Kollegin und ich standen am gegenüberliegenden Gleis und beobachteten das Ganze. War das besonders erwachsen? Nein. Aber auch mit 23 hatte ich offenbar schon ein ausgeprägtes Verständnis für dramatische Inszenierung. Heute würde ich darüber lachen und es bleiben lassen. Damals musste Pretty Boy eben ein paar Minuten am Bahnhof verbringen. Danach war die Sache für mich erledigt. Kein grosses Finale, keine Siegerin, kein Bösewicht mit Schnurrbart. Nur zwei Männer, zwei völlig unterschiedliche Arten von Unsicherheit und eine junge Frau, die ziemlich deutlich wusste, was sie nicht wollte, aber noch nicht unbedingt, was sie brauchte.
Und plötzlich stellte sich eine ganz andere Frage: Wie viele rote Flecken darf eine Green Flag eigentlich haben, bevor wir aufhören, sie grün zu nennen?
Nicht jede Green Flag bleibt wirklich grün.