Wie viele schlechte Dates braucht eine gute Geschichte?

Sind schlechte Dates vielleicht erst dann wirklich schlecht, wenn man später nichts darüber zu erzählen hat?

Es gibt diesen kurzen Moment beim Bezahlen eines ersten Dates, in dem erstaunlich viel Romantik sterben kann. Der Kellner stellt die Rechnung hin, beide greifen halbherzig Richtung Portemonnaie und für ungefähr drei Sekunden wird aus Flirten plötzlich Finanzbuchhaltung. Natürlich muss ein Mann nicht bezahlen. Eine Frau übrigens auch nicht. Aber wer die Rechnung übernimmt, seinem Gegenüber dabei in die Augen schaut und noch während der Zahlung sagt: „Du kannst mir deinen Anteil dann twinten“, erschafft eine Situation, für die selbst die moderne Datingwelt noch kein angemessenes Wort gefunden hat. Vielleicht wäre „Vorspiel mit Zahlungsaufforderung“ passend. Besonders hinreissend wird es, wenn derselbe Mann wenig später bei drei Grad mit einer kleinen Dose Prosecco auf einer Parkbank ausführlich über Dreier und seine Fetische spricht. Manche Männer bringen Blumen zum Date. Andere bringen Gesprächsstoff für Jahre.

Dabei muss ein schlechtes Date nicht einmal spektakulär sein. Manchmal reicht ein Mann, der gut aussieht, höflich ist und ungefähr in der Geschwindigkeit eines Faultiers kommuniziert. Beim zweiten Treffen mit einem solchen Exemplar sass ich beim Sushi und stellte irgendwann fest, dass wir nicht nur dieselben Gesprächsthemen wie beim ersten Mal hatten, sondern sie offenbar auch noch einmal in Zeitlupe durchgehen würden. Während er sprach, alterte irgendwo vermutlich ein guter Parmesan vollständig aus. Meine damalige Lösung war weder besonders erwachsen noch moralisch vorbildlich: Ein fingierter Anruf meiner Mutter informierte mich darüber, dass mein Hund sich angeblich das Pfötchen gebrochen hatte. Tragisch. Dringend. Und vor allem erstaunlich praktisch. Wenige Minuten später sass ich auf dem Heimweg und mein vollkommen gesunder Hund wusste nichts davon, dass er gerade meine Datingkarriere gerettet hatte.

Mit Anfang zwanzig hielt ich solche Abende vermutlich für verschwendete Zeit. Ein Date sollte schliesslich aufregend sein, bestenfalls zu einem zweiten führen und zumindest nicht mit einer Twint Forderung oder einem erfundenen veterinärmedizinischen Notfall enden. Heute sehe ich das etwas anders. Gute Dates verschwimmen manchmal miteinander. Die Katastrophen bleiben erstaunlich scharf. An einen netten Drink erinnert man sich Jahre später vielleicht nicht mehr. An den Mann, der bei drei Grad über seinen Wunsch nach einem Dreier sprach, während man innerlich bereits die nächste Zugverbindung prüfte, schon. Vielleicht müssen deshalb nicht alle Männer, die wir kennenlernen, eine Bedeutung für unser Leben bekommen. Manche schaffen es nicht einmal in die Nähe unseres Herzens. Dafür landen sie Jahre später in einer Kolumne.

Und vielleicht ist das die verspätete Genugtuung des Datings: Ein Mann kann einem einen miserablen Abend bescheren und trotzdem unwissentlich etwas Wertvolles hinterlassen. Nicht Liebe. Nicht Erkenntnis. Nicht einmal seine Hälfte der Rechnung. Einfach eine verdammt gute Geschichte. Rückblickend betrachtet war also weder der Twint Casanova noch das Faultier völlig umsonst. Der eine kostete mich vermutlich einen halben Brunch und etwas Körperwärme, der andere beinahe meine Geduld und meinen Hund seine Glaubwürdigkeit. Für Männer, aus denen nichts wurde, haben sich beide erstaunlich lange gehalten.

Manche Katastrophen altern besser als guter Wein.