Wie kann dieselbe Frau aussehen, als hätte sie ihr Leben vollkommen im Griff und 24 Stunden später wie ihr eigener persönlicher Absturz?
Meine Nachbarn müssen mittlerweile glauben, dass in meiner Wohnung mindestens zwei Frauen leben. Die eine begegnet ihnen ungeschminkt im Pyjama, mit Haaren, die irgendwie oben zusammengebunden wurden, und sieht dabei aus, als hätte sie seit drei Tagen weder geschlafen, geduscht noch besonders vernünftige Entscheidungen getroffen. Wirklich schlimm. Nicht süss ungeschminkt. Nicht dieses natürliche „I woke up like this“. Eher die Version, bei der man kurz überlegt, ob alles in Ordnung ist. Und dann gibt es die andere. Haare gemacht, Make up sitzt, Schmuck, schönes Outfit, vielleicht Blazer und Stöckelschuhe. Plötzlich sehe ich aus, als würde unten Chuck Bass persönlich mit Fahrer auf mich warten und der Abend könnte entweder im teuersten Hotel der Stadt oder in einem kleinen gesellschaftlichen Skandal enden. Tatsächlich gehe ich vielleicht einfach mit einer Freundin etwas trinken. Aber meine Nachbarn müssen ja nicht alles wissen.
Der Weg zu dieser Frau ist allerdings weniger glamourös. Gesichtsmaske, Fussmaske, duschen, rasieren, Haare waschen, eincremen, schminken, Haare machen und dann beginnt mein persönlicher Endgegner: Was zur Hölle ziehe ich an? Mein Kleiderschrank ist voll. Das hält mich selbstverständlich nicht davon ab, gelegentlich überzeugt zu sein, dass ich nichts besitze. Dann werden Jeans, Blazer, Oberteile, Ballerinas, Sneakers und Hosen im Minutentakt anprobiert und wieder auf den Boden geworfen. Plötzlich kneift alles. Nichts sitzt. Dieses Oberteil macht heute etwas Komisches mit mir. Die Hose war letzte Woche noch schön und ist heute offenbar mein Feind. Nach 45 Minuten stehe ich halb nackt vor einem Kleiderberg, habe ungefähr neun Persönlichkeiten durchprobiert und bin kurz davor, die gesamte Veranstaltung abzusagen. Nicht weil mir nichts passt. Sondern weil ich mich nach nichts davon fühle. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied, den vermutlich nur Frauen verstehen.
Seit ich viel Gewicht verloren habe, liebe ich Kleidung trotzdem viel mehr als früher. Vielleicht gerade deshalb bin ich so wandelbar geworden. An einem Tag Jeans und Sneakers, am nächsten Blazer und Anzugshose, danach Ballerinas oder Stöckelschuhe. Ich brauche keinen festen Look. Ich brauche den richtigen für genau diesen Tag. Und wenn ich ihn gefunden habe, kann ich vollkommen unbescheiden vor dem Spiegel stehen und denken: Wow. Ja, ich finde mich dann selbst verdammt gut. Hinreissend sogar. Warum sollte ich so tun, als wäre das nicht so? Es gibt schliesslich genügend andere Tage, an denen mein Zyklus mir ein aufgeschwollenes Gesicht beschert und ich aussehe, als hätte die Frau von gestern Abend eine sehr problematische Nacht hinter sich.
Vielleicht wohnen also tatsächlich mehrere Frauen in meinem Kleiderschrank. Die elegante. Die lässige. Die völlig übertriebene. Und jene im Pyjama, die heute besser niemand anspricht. Ich mag sie eigentlich alle. Nur gleichzeitig im Treppenhaus sollten sie sich vielleicht nicht begegnen.
Mein Kleiderschrank braucht dringend einen Psychiater.