Die blaue Zahnbürste

Ab wann ist eine Situationship eigentlich eine Beziehung, nur ohne die unangenehme Kleinigkeit, dass einer von beiden davon weiss?

In meinem Badezimmer standen damals für ungefähr zwei Wochen zwei Zahnbürsten. Eine blaue und eine orange. Nicht beide gehörten mir und, noch wichtiger, sie gehörten auch nicht demselben Mann. Damit ich in dieser kurzen, aber organisatorisch anspruchsvollen Phase nicht versehentlich die falsche Zahnbürste dem falschen Besucher überreichte, führte ich in meinen Notizen Buch darüber. Blau war Hobbit. Orange war der andere. Andere Frauen mit 23 hatten vielleicht Einkaufslisten auf ihrem Handy. Ich hatte Zahnbürstenmanagement. Man muss eben Prioritäten setzen. Das parallele Vergnügen dauerte allerdings nicht besonders lange. Nach etwa eineinhalb bis zwei Wochen beendete ich die andere Geschichte und übrig blieb Hobbit. Seinen Spitznamen bekam er von meinen Freundinnen und mir, weil er mit seinen braunen Locken und seiner eher überschaubaren Körpergrösse tatsächlich ein wenig danach aussah. Klein, lockig und offenbar hervorragend darin, sich langfristig in meinem Badezimmer einzurichten. Denn während die orange Zahnbürste ziemlich schnell verschwand, blieb die blaue. Und weil das Ganze ungefähr zwei Jahre dauerte, wurde sie selbstverständlich auch regelmässig ausgetauscht. Ich war vielleicht emotional orientierungslos, aber hygienisch hatte ich Standards. Eigentlich war unsere Vereinbarung denkbar einfach: Ich schrieb, Hobbit kam. Ein bisschen wie ein sehr attraktiver Hauslieferdienst, nur ohne Mindestbestellwert. Das Problem mit unkomplizierten Vereinbarungen ist nur, dass Gefühle eine bemerkenswert schlechte Auffassungsgabe für Geschäftsbedingungen haben. Wie man so schön sagt: Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. In meinem Fall kam meistens Hobbit.

Aus ein paar Treffen wurde irgendwann etwas, das man heute vermutlich Situationship nennt, weil „Ich habe keine Ahnung, was wir hier eigentlich machen“ zu lang für die Auswahl des Beziehungsstatus wäre. Wir schliefen miteinander, kuschelten, unternahmen Dinge und irgendwo zwischen all dem begann ich, mich ziemlich heftig in die blaue Zahnbürste zu verlieben. Dumm gelaufen. Er gab mir durchaus das Gefühl, dass da mehr sein könnte. Zumindest genug, damit meine ohnehin interessierte Fantasie keine weitere Unterstützung benötigte. Wer suchet, der findet, und wer verliebt ist, findet bekanntlich sogar Hinweise, wo möglicherweise gar keine sind. Und dann spielte er mir eines Tages „Paradise (mit dir)“ von LIAZE vor. Ein Lied darüber, dass ein bestimmter Mensch das eigene Paradies ist. Nun kann man einer verliebten 23 Jährigen vieles vorspielen, aber vielleicht nicht unbedingt genau dieses Lied, wenn man anschliessend überrascht sein möchte, dass sie darin eine Botschaft erkennt. Für mich war die Sache jedenfalls praktisch unterschrieben. Emotional zumindest. Juristisch leider nicht. Irgendwann stellte sich heraus, dass Hobbit keineswegs dieselbe Liebesgeschichte erlebt hatte wie ich. Faszinierend, wie zwei Menschen zwei Jahre lang dieselben Abende verbringen und dabei offenbar in zwei völlig verschiedenen Genres mitspielen können. Für ihn war es vermutlich eine lockere Komödie. Für mich bereits grosses Kino mit Soundtrack. Andere nennen so etwas Missverständnis. Ich nenne es rückblickend ausgesprochen schlechte Kommunikation mit sehr guter Hintergrundmusik.

Der Kontakt brach ab, kam später noch einmal zurück, wir landeten wieder miteinander im Bett und irgendwann war endgültig Schluss. Zumindest offiziell. Meine Gefühle hatten die Kündigung offenbar nicht erhalten. Ich war noch lange in ihn verliebt, so lange, dass sein Geburtsdatum sogar mein Entsperrungscode fürs Handy war. Rückblickend eine hinreissende Sicherheitsmassnahme für eine Frau, die emotional ohnehin schon keinen Datenschutz mehr besass. Und natürlich veränderte ich nach Liebeskummer meine Haare. Allerdings nicht ein paar Zentimeter. Meine goldblonden Haare reichten damals bis zum Bauchnabel. Danach waren sie braun und endeten am Kinn. Ein Bob. Wenn schon emotionale Fehlentscheidung, dann wenigstens mit sichtbarer Pressemitteilung. Haare wachsen schliesslich nach. Würde man meinen, damit sei mein persönliches Trennungsprogramm abgeschlossen gewesen, unterschätzt man meine damalige Arbeitsmoral allerdings gewaltig. Mein gekränktes jüngeres Ich fand nämlich, dass Hobbit ein kleines bisschen Karma vertragen könnte. Also kaufte ich eine Prepaid SIM Karte. Über einen Fake Account schrieb ich ihm mehrere Monate, wechselte mit ihm die Plattform, schickte ihm sogar Snaps von mir, auf denen mein Gesicht nicht zu sehen war, und betrieb dieses vollkommen unnötige Nebenprojekt mit einer Disziplin, für die andere vermutlich befördert werden. Schliesslich verabredete ich mich mit ihm an einem Treffpunkt. Er kam. Er wartete. Ich nicht. Rache wird bekanntlich kalt serviert. Meine offenbar mit Prepaid Guthaben. Heute würde ich so etwas nicht mehr machen. Nicht, weil ich inzwischen moralisch über allen Dingen schwebe, sondern weil mir meine Zeit dafür schlicht zu schade ist. Ich bin älter geworden. Ein Mann, der mich nicht will, bekommt heute keine zweite SIM Karte mehr. Der bekommt nicht einmal mehr unbegrenztes Datenvolumen in meinem Kopf.

Das Verrückteste an dieser Geschichte ist allerdings weder der Fake Account noch meine kurzzeitige Zahnbürstenbuchhaltung oder die Tatsache, dass Liebeskummer bei mir offenbar einen vollständigen Imagewechsel samt neuem Mobilfunkanschluss auslösen konnte. Es ist dieses eine Lied. „Paradise (mit dir)“ ist bis heute mein Lieblingslied. Hobbit ist längst verschwunden, sein Geburtstag ist nicht mehr mein Handycode und von der blauen Zahnbürste gab es im Laufe der Jahre vermutlich mehr Nachfolger als von mancher erfolgreichen Fernsehserie. Aber ausgerechnet etwas, das ich damals völlig falsch verstanden hatte, ist geblieben. Vielleicht hinterlassen manche Menschen eben nicht die grosse Liebe, sondern nur einen verdammt guten Song. Und was, wenn manche Liebesgeschichten nur deshalb so lange dauern, weil einer nie wusste, dass er überhaupt in einer war?

Manche Männer gehen, ihre Lieder bleiben trotzdem.