Wie wenig Blickkontakt braucht ein Mann eigentlich, um trotzdem überzeugt zu sein, dass jetzt der perfekte Moment für einen Kuss gekommen ist?
An einem Samstagabend im Januar sass ich mit Blindflug im McArthurs in Lenzburg und versuchte herauszufinden, wohin man eigentlich schaut, wenn das Gegenüber konsequent überall hinsieht, nur nicht zu einem selbst. Blindflug war 26, gross, blond, nett und grundsätzlich völlig unauffällig. Vielleicht sogar hinreissend harmlos. Nur mit meinen Augen schien er ein persönliches Problem zu haben. Während ich sprach, wanderte sein Blick über den Tisch, durchs Lokal und vermutlich gedanklich bis nach Aarau. Augenkontakt gehört für mich zu einem Gespräch ungefähr so sehr wie Alkohol zu gewissen Datingentscheidungen. Man kann darauf verzichten, aber meistens merkt man ziemlich schnell, dass etwas fehlt. Irgendwann fragte ich mich ernsthaft, ob ich ein Date hatte oder versehentlich mit jemandem zusammensass, der neben mir auf seinen eigentlichen Tinder Match wartete.
Das Interessante an fehlendem Augenkontakt ist nämlich, dass man irgendwann selbst merkwürdig wird. Plötzlich beobachtet man jeden Blick und denkt: Jetzt. Jetzt schaut er bestimmt. Nein. Wieder das Bier. Offenbar war dieses Bier an diesem Abend faszinierender als mein Gesicht. Nun gut. Man kann nicht überall gewinnen. Ich verbuchte Blindflug innerlich unter «nett, aber nein» und hielt den Abend eigentlich für entschieden. Er offenbar nicht. Denn beim Abschied passierte etwas, womit nach diesem Abend wirklich niemand rechnen konnte. Ausgerechnet der Mann, der mich kaum ansehen konnte, küsste mich. Nicht vorsichtig, nicht in einem Moment, bei dem man wenigstens im Nachhinein behaupten könnte, da sei eine gewisse Spannung gewesen. Einfach so. Ein Kuss auf Verdacht. Und er war scheisse. Es gibt Küsse, bei denen kurz die Welt stehen bleibt. Bei diesem hätte sie ruhig weiterlaufen dürfen. Schneller sogar.
Vielleicht hatte Blindflug den Abend völlig anders erlebt. Vielleicht hielt er seine Blickvermeidung für geheimnisvoll, meine Höflichkeit für Flirten und den Abschied für den Beginn einer grossen Liebesgeschichte. Männer und Frauen sollen schliesslich manchmal unterschiedliche Signale senden. In unserem Fall brauchte es dafür offenbar nicht einmal Signale. Er wollte mich wiedersehen. Ich verteilte stattdessen einen Laufpass. Denn manchmal braucht es keinen zweiten Versuch, keine lange Analyse und schon gar keinen zweiten Kuss. Manchmal reicht ein Abend, um festzustellen, dass die Chemie ungefähr dort war, wo während unseres Gesprächs sein Blick gewesen war: irgendwo anders. Aber wenn zwei Menschen nach demselben Date mit vollkommen unterschiedlichen Eindrücken nach Hause gehen, bleibt eigentlich nur eine Frage: Wie oft nennen wir es Chemie, obwohl einer von beiden einfach im Blindflug unterwegs ist?
Manche Funken sind einfach nur Fehlzündungen.