Seit wann klingt „Ich habe keine Zeit“ eigentlich attraktiver als „Ich habe jemanden kennengelernt“?
Montagmorgen, kurz nach acht. Der Kalender ist voll, die Kaffeetasse halb leer und irgendwo zwischen E Mails, Terminen und der Frage, ob diese Schuhe wirklich bürotauglich oder lediglich hinreissend sind, fällt mir auf, dass mein Leben inzwischen erstaunlich wenig Platz für romantische Verwicklungen lässt. Früher klang ein voller Terminkalender nach Stress. Heute klingt er fast nach Statussymbol. Man ist beschäftigt. Man hat Projekte. Man hat Ziele. Man bestellt Kleider während der Mittagspause und nennt es Zeitmanagement. Während andere vielleicht überlegen, wann der richtige Zeitpunkt für den nächsten Beziehungsschritt ist, überlege ich, ob ich beruflich noch einen machen kann. Prioritäten verändern sich eben. Manche kaufen Kinderwagen, andere Handtaschen. Beides hat vierstellige Modelle, nur bei einem davon schläft man vermutlich besser.
Vielleicht ist das eine der seltsameren Überraschungen des Erwachsenwerdens. Jahrelang wird einem erzählt, irgendwann würden die wirklich wichtigen Dinge automatisch wichtiger werden. Beziehung. Hochzeit. Kinder. Ein Zuhause mit ausreichend Stauraum und vermutlich einer vernünftigen Versicherung. Und dann wird man Ende zwanzig und stellt fest, dass man sich plötzlich ernsthaft über berufliche Möglichkeiten, finanzielle Unabhängigkeit und ein Paar Schuhe freuen kann, das objektiv niemand braucht. Mein Kinderwunsch heisst gerade Karriere. Und bevor jemand besorgt schaut: Das ist keine tragische Lebensphase. Aktuell wächst lieber mein Kleiderschrank. Der verlangt wenigstens keine emotionale Verfügbarkeit und beschwert sich höchstens über Platzmangel.
Natürlich hat diese neue Geschäftigkeit auch etwas herrlich Verdächtiges. Karriere lässt sich planen. Rechnungen lassen sich bezahlen. Kleider kann man zurückschicken. Männer leider nur metaphorisch, obwohl ein Rückgaberecht nach vierzehn Tagen einige meiner früheren Entscheidungen erheblich vereinfacht hätte. Vielleicht gefällt mir deshalb gerade alles, was sich ein bisschen kontrollieren lässt. Nicht weil Liebe unwichtig geworden wäre, sondern weil es erstaunlich befriedigend ist, sich ein Leben aufzubauen, bei dem ein Mann irgendwann dazukommen darf, ohne zum tragenden Bauteil erklärt zu werden. Früher dachte ich häufiger darüber nach, wer neben mir sein könnte. Heute denke ich darüber nach, wo ich selbst hinwill. Zugegeben, manchmal führt der Weg direkt in ein Geschäft. Aber auch Umwege sind Wege.
Vielleicht ist genau das der Luxus am Älterwerden: Man darf seine Vorstellung vom guten Leben zwischendurch ändern, ohne dafür eine Pressekonferenz einzuberufen. Vielleicht möchte ich irgendwann Ehe, Kinder und das ganze Programm. Vielleicht werde ich eines Tages sogar freiwillig weniger Schuhe kaufen. Wobei wir realistisch bleiben sollten. Im Moment gefällt mir die Frau ziemlich gut, die ihre eigenen Rechnungen bezahlt, beruflich weiterkommen will und nicht darauf wartet, dass jemand anderes ihrem Leben Bedeutung verleiht. Und was, wenn Mr. Right einfach keinen Platz mehr im Kalender bekommt?
Mein Leben wartet auf keinen Mann.