Wie kann ein Date zwei Stunden lang völlig normal laufen und innerhalb von fünf Sekunden zu einer Geschichte werden, die man seinen Freundinnen noch Monate später mit «Nein, wirklich» erzählen muss?
Kurz vor Halloween matchte ich auf Tinder mit Kusszilla. Er war 23, vier Jahre jünger als ich, gross, blond, Russe und sah wirklich gut aus. Vor allem war er nett. Kein «nett» im Sinne von «mehr gibt es leider nicht zu sagen», sondern tatsächlich nett. Wir schrieben nicht lange und trafen uns relativ schnell in Basel. Vom Bahnhof liefen wir Richtung Steinen und landeten in einer Bar mit Rooftop. Es war kalt, wir sassen draussen unter Decken, tranken etwas und redeten. Lange sogar. Irgendwann gingen wir rein, weil offenbar selbst ein gutes Tinder Date keine Erfrierungen wert ist. Zwei oder drei Stunden später war meine Bilanz erstaunlich positiv. Er sah aus wie auf seinen Bildern, konnte ein Gespräch führen und ich hatte noch keiner Freundin meinen Live Standort mit «Falls ich mich in 20 Minuten nicht melde» geschickt. Die Ansprüche einer Frau im Jahr 2025. Hinreissend. Danach gingen wir noch etwas spazieren und ich dachte tatsächlich: Den könnte ich wiedersehen. Man soll den Abend bekanntlich nicht vor dem Kuss loben.
Denn Kusszilla blieb plötzlich stehen. Einfach so. Bevor ich überhaupt verstanden hatte, warum wir jetzt mitten im Spaziergang eine Vollbremsung machten, hatte dieser Mann meinen Kopf in beiden Händen. Und seine Hände waren nicht gross. Seine Hände waren lächerlich gross. Mein kompletter Kopf verschwand gefühlt darin wie ein Kinder Bueno in meiner Handtasche. Dann küsste er mich. Sorry. Nein. Er presste seine Lippen auf meine. Das war kein Kuss, das war ein Belastungstest. Kein langsames Näherkommen, kein Blick, kein Kribbeln, keine Sekunde, in der mein Körper dachte: Oh. Stattdessen dachte mein Körper ziemlich eindeutig: What the fuck? Küssen sollte sich normalerweise nach zwei Menschen anfühlen, die sich gegenseitig wollen. Bei uns fühlte es sich an, als hätte einer die Bedienungsanleitung übersprungen. Mein Kopf zwischen zwei Händen, seine Lippen mit maximalem Anpressdruck und ich mittendrin mit der Erkenntnis, dass mein Interesse gerade schneller verschwunden war als mein Kontostand nach einem Shopping Samstag. Eigentlich hätte diese Szene eine dramatische Ohrfeige verdient. Meine rechte Hand hätte endlich ihren grossen Auftritt bekommen können. Stattdessen stand ich da wie eine Frau, deren Schlagfertigkeit offenbar erst zuhause WLAN hat. Sehr souverän. Und dann fragte er allen Ernstes, was wir jetzt noch machen. Wir? Was genau hatten wir denn gerade gemeinsam erlebt? Ich war gedanklich bereits im Zug nach Hause und Kusszilla offenbar bei der Frage, ob er später links oder rechts in meinem Bett schlafen möchte. Denn natürlich wollte er noch mit zu mir. Natürlich. Der Mann hatte meinen Kopf gerade behandelt wie einen überfüllten Koffer, den man mit Gewalt schliessen muss, und dachte danach: Das läuft. Dieses Selbstvertrauen hätte ich gerne beim Lohnverhandeln. Ich hätte sagen können: «Nein, dein Kuss war eine Katastrophe und meine Lippen brauchen jetzt Ruhe.» Stattdessen sagte ich, ich sei müde. Müde. Manchmal frage ich mich wirklich, warum Frauen überhaupt Selbsthilfebücher über Grenzen kaufen. Offenbar hätte mir an diesem Abend ein einziger Satz gereicht: «Nein, danke.» Aber nein. Ich wollte bloss nicht unhöflich sein, nachdem jemand ungefragt meinen Kopf übernommen hatte. Prioritäten muss man haben. Später schrieb ich ihm, dass es für mich nicht passte. Kusszilla schrieb trotzdem noch wochenlang weiter, bis aus meinem freundlichen Nein irgendwann ein ziemlich klares «Wenn du nicht aufhörst, blockiere ich dich» wurde. Siehe da: Plötzlich funktionierte die Kommunikation ausgezeichnet. Wo ein Wille ist, ist offenbar auch ein funktionierendes Leseverständnis.
Rückblickend muss man Kusszilla fast Effizienz zugestehen. Andere Männer brauchen drei Dates, widersprüchliche Nachrichten, eine Situationship und mindestens eine Freundin, die irgendwann sagt: «Natalie, der Mann ist scheisse.» Kusszilla brauchte ungefähr fünf Sekunden und zwei absurd grosse Hände. Vielleicht sollte ich dankbar sein. Trotzdem beschäftigt mich weniger, dass er schlecht küsste, als die Tatsache, dass wir danach offenbar in zwei verschiedenen Realitäten standen. Ich dachte: Das mache ich nie wieder. Er dachte: Gehen wir zu dir? Und irgendwo zwischen diesen beiden Gedanken liegt vermutlich das gesamte moderne Datingproblem. Aber wenn DAS für ihn ein guter Kuss war, was zur Hölle wäre dann eigentlich ein schlechter gewesen?
Da küss ich lieber den Frosch.