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Seit wann braucht ein erstes Date eigentlich einen Lebenslauf?

Früher dachte ich, ein Date bestehe aus zwei Menschen, einem Getränk und der leisen Hoffnung, dass man sich attraktiv genug findet, um irgendwann aufzuhören zu reden. Heute scheint man dafür mindestens einen Lebenslauf, drei Referenzen und einen überzeugenden Fünfjahresplan zu benötigen. Was machst du beruflich? Wo wohnst du? Wie lange bist du Single? Was suchst du? Möchtest du Kinder? Und natürlich der Klassiker: Warum ist deine letzte Beziehung gescheitert? Hinreissend. Man bestellt einen Aperol und bekommt gratis ein Assessment Center dazu. Fehlt eigentlich nur noch die Frage nach den persönlichen Stärken und Schwächen. Wobei man bei Letzteren vermutlich besser lügt. „Ich bin manchmal zu perfektionistisch“ klingt schliesslich wesentlich attraktiver als „Ich ignoriere Nachrichten, sobald mir jemand zu viel Aufmerksamkeit schenkt.“

Mit Ende zwanzig hat Dating ohnehin eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Personalrekrutierung entwickelt. Ein hübsches Gesicht reicht nicht mehr ganz. Natürlich hilft es. Wir wollen schliesslich nicht völlig den Verstand verlieren. Aber plötzlich interessieren Dinge, die einem mit Anfang zwanzig herzlich egal waren. Hat er einen Beruf? Einen Plan? Eine eigene Wohnung? Kann er Termine vereinbaren, ohne dafür drei Werktage Vorlaufzeit zu benötigen? Und wohnt seine Mutter zufällig noch im selben Haushalt oder ist sie lediglich weiterhin Geschäftsführerin seines Lebens? Man möchte locker wirken, während im Kopf längst die interne Prüfung läuft. Attraktivität: erfüllt. Humor: vorhanden. Kommunikation: ausbaufähig. Zukunftsperspektive: Unterlagen unvollständig. Emotional verfügbar: konnte nicht abschliessend beurteilt werden. Probezeit verlängert.

Das Absurde daran ist, dass ich mich selbst keinen Millimeter besser verhalte. Während er erzählt, höre ich natürlich aufmerksam zu. Zumindest teilweise. Der andere Teil meines Gehirns erstellt bereits eine Excel Tabelle über unsere theoretische Zukunft. Nicht weil ich morgen heiraten möchte, sondern weil ich inzwischen wenig Lust darauf habe, drei Monate später überrascht festzustellen, dass ein erwachsener Mann zwar sehr schöne Augen, aber ungefähr die Lebensplanung eines Golden Retrievers besitzt. Man wird eben anspruchsvoller. Oder effizienter. Vermutlich nennt man es Erwachsenwerden, wenn man einen Mann gleichzeitig attraktiv finden und wissen möchte, ob er seine Krankenkassenrechnung selbst bezahlt. Romantik ist wirklich mit den Jahren gegangen. Dafür kam administrative Kompetenz. Auch sexy, auf ihre Art.

Vielleicht liegt genau darin das Problem. Wir sitzen uns gegenüber, stellen Fragen, beobachten Antworten und versuchen nebenbei herauszufinden, ob dieser Mensch in unser bereits ziemlich eingerichtetes Leben passen könnte. Man sortiert schneller aus, erkennt Unstimmigkeiten früher und nennt das Standards. Wahrscheinlich zu Recht. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob Liebe überhaupt eine Chance hätte, wenn sie sich heute offiziell bei uns bewerben müsste. Vielleicht hätte sie Lücken im Lebenslauf, schlechte Referenzen und würde beim Vorstellungsgespräch fünf Minuten zu spät erscheinen. Und vielleicht würden wir ihr trotzdem verdammt gerne die Stelle geben. Aber was, wenn wir vor lauter Prüfen vergessen haben, uns zu verlieben?

Liebe besteht selten jede Eignungsprüfung mit Bravour.